Selbstfindung zwischen Faker und Bodyshamer

Das Internet ist Fluch und Segen zugleich, wobei ersteres inzwischen den Großteil der „Wolke“ ausmacht, denn seit Telekom mit 1&1 ihre Seelenfänger in den Fußgängerzonen plazierten, dies auch noch erfolgreich, kann man alles vergessen. Auch und gerade die Abteilung „such & find“ in Sachen Lebensglück ist betroffen, denn Bodyshamer und Fakes bestimmen die Dating-Portale.

Bodyshamer oder Fake?
… eine legitime Forderung, oder nicht?

Auch wenn es irgendwo heißt, alle 11 Minuten… (Deutschland befindet sich inzwischen im Liebestaumel), sollte man sich nichts vormachen, sich ohne Erwartungshaltung in einem Dating-Portal bequem machen, denn dann bleiben einem Enttäuschungen erspart. In einer anderen Zeit mußte man erst einmal Geld in die Hand nehmen, um zu wissen wer was will und wer wo zu haben ist. Wollte man selber seine Haut zu Markte tragen, war noch mehr Geld fällig. Aber die Chance einen verschwitzen Körper neben sich zu am Morgen zu spüren war größer als Anno 2017. Heute sind die Langweiler überall zugegen. Das sind die, die suggerieren Sex vor lauter Langweile machen zu wollen. Sie bevölkern in Massen neben den Bodyshamer die Portale, sind Zeitdiebe, eine erweiterte Form der Faker, und schlimmer als Microsoft mit Windows 98.

Der Bodyshamer im Blick

Der Begriff Bodyshamer ist noch nicht allzulange im Umlauf, war aber vom inhaltlichen Sinn her schon immer mit von der Sex/Date-Party. Hier geht es um die körperlichen Auswahlkriterien: Keine Dicken, nur Bären (behaarte Männer), keine Fems (feminine Geschöpfe), nur gutbestückte Kerle (ab XL zwischen den Beinen), nicht älter als… etc. Es wird nicht für das Leben gesucht, sondern für einen kurzen Moment. Hier und da werden solche Kriterien auch unter Diskriminierung/Ausgrenzung getagt (engl.), was aber übertrieben ist. Man sollte da die Kirche schon im Dorf lassen. Aber das mediale Diktat ist eben immer mit dabei. So suggerieren auch die Schwulenmags was Sache ist, und wenn der Gesetzgeber nicht eine Mindestaltersgrenze gesetzt hätte, würde „Boy oh Boy“ wieder ganz vorne mitspielen. Bei „Schwulissimo“ oder „GAB“ ist kein Mann über 30 auf dem Titelblatt. Sixpack ist darüber hinaus schon „must have“.

Femboy für Cosplay gesucht
Ein kleiner Anforderungskatalog

Vor 40 Jahren waren die knabenhaften Körper auf den Titeln angesagt. Mich hat man da auch entdecken können. Und so zieht sich das männliche Bild (Diktat) auch in die Portale hinein.
Man muß aber auch Abstriche machen, denn als (immer) 18 jähriger junger Mann war ich nicht scharf auf dicke oder alte Männer… Hallo? Und so eine behaarte Geschichte ging schon mal gar nicht. Die einen wollen für den Sex nur dicke Menschen, die anderen nur DWTs (Damenwäscheträger) oder Daddys… Auch muß ich nicht das suchen, was neben mir in der Kiste liegt. Wäre auch irgendwie daneben. Also back‘ ich mir mein Traum für die Zweisamkeit aus verschiedenen Zutaten zusammen: Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche miiiir… Damit muß man klar kommen – ich auch. Anders sieht die Sache aus, wenn abwertende Wörter für die Auswahlkriterien benutzt werden. Und da ist die schwule Community ja nicht zimperlich, obwohl sie einmal im Jahr gegenteiliges demonstrieren.


Keine Tunten, Schwuchtel und Transen

Gesucht XL, XXL oder Trans
Ich wünsche mir… aber alles geht nun mal nicht
(sagt Olaf von WordPress)

Männer gesucht
Eine ehrliche Ansage
(Bin ich eben nicht normal…)

Als abwertendes Kriterium für Trans* ist der Begriff „Tunte“ oder auch „Schwuchtel“ an der Tagesordnung, sowohl in der Gay-Community als auch vor Ort. Der Begriff „Transe“ an sich ist für mich ok, nicht bösartig negativ belegt. Einen Zungenbrecher sollte man sich deswegen nicht einfangen. Bei „Tunte“ oder „Schwuchtel“ hört der Spaß aber auf. Obendrein stellt sich da auch die Frage, ob Mann überhaupt weiß, was er da von sich gibt. Ich bin in Trans*Kreisen unterwegs, kenne aber keinen tuntigen Trans*menschen. Tuntig sind die Hardcore- oder Feierabend-Gays wenn sie rumschwuchteln, sich u.a. in Frauenkleider zwängen (DWT) oder sich in der Balz wähnen.

Putzig wird es, wenn dann der Wunsch aus schwulen Mund mit einem Grinsen kommt:

„Dich würde ich gerne mal von hinten richtig ran nehmen“

Das ist dann schon eine Kampfansage, die mit entsprechendem Blick Richtung Schritt und der Frage „Mit was dann?“ gekontert wird. Da muß man den schwulen Mann an seinem besten Stück packen und quer durch die Arena ziehen. Egal was es kostet.

Ganz spannend wird es, wenn sie Zirkel bilden, wo nur ihresgleichen Zugang bekommt. Der „Club der Bären“ läßt die Tunte dann schon wissen, wo sie hingehört. Und man ist dann auch netterweise ein Hungerhaken, fett wie eine Fahrradspeiche beim Club der dicken Denker. Das ist zwar „etwas“ daneben, regt mich aber nicht sonderlich auf. Auch die Unerwünschtheit von „Südländer“ hat weniger etwas mit Rassismus zu tun, ist nicht diskriminierend gemeint, sondern vielleicht auch der Tatsache geschuldet, daß bei jenem der das hinterläßt, ein nicht ganz netter Fußabdruck von der ausgegrenzten Gruppe hinterlassen wurde.

Es gibt aber nicht nur die Ein- und Ausgrenzung, das Diskriminierende mit deftigen Vokabular. Auch die Variante der netten Hinweise, über die man dann gerne hinweg sieht, sind sie doch im Endeffekt ein Aufreger nicht wert, hat einige Nettigkeiten parat. Buzzfeed erzählt ein wenig davon.

Ausgrenzung ist nicht gleich Ausgrenzung

Die Welt unter dem Regenbogen tickt nicht anders, wie andere Welten anderswo auch. Das Wunschkonzert der Bodyshamer, ob in GayRoyal, in der Sklavenzentrale oder auf Tinder, geht größtenteils völlig in Ordnung, war schon immer ein Teil der Annoncen in einschlägigen Magazinen und ist nicht erst seit der Installation des Internets ein Kriterium. Die Mahnungen/Hinweise in diesem Zusammenhang in Richtung „Ausgrenzung“ sind eher dem Zeitgeist, dem „Gutmenschentum“ geschuldet und völlig fehl am Platz.

Aber unter’m Regenbogen ist hier und da einiges ein wenig anders. Da gibt es den Lesben-, den Queer-, den Gay- und auch den Trans*-Treff nur für junge Menschen. Ich bin da eben außen vor, da keine 20 mehr. Ich persönlich empfinde das nicht als Ausgrenzung, da dort auch schwerpunktmäßig dem Alter entsprechend andere Themen anstehen. Bedauerlich finde ich es nur, wenn durch Abschottung die Gemeinsamkeit verloren geht sich positiv in die Gesellschaft einzubringen. Queer Hanau versucht es mit einem „offenem Queer-Treff“.

Wenn ich mal dort bin, muß nur wieder wärmer werden, könnt ihr mich zu einem Kickertisch-Match herausfordern (ohne kurbeln, gelle?). Und wer weiß… vielleicht gefällt Euch die queere Umgebung. Dort findet man jedenfalls mehr gemeinschaftliches Wirken, Spaß am Leben, dem Sein, als AfD und die besorgten Bürger zusammen auf die Waage bringen.

Guten Start in die Woche. :-)




PS: Wetten, daß 99% der Frauen auf Badoo (Beispiel) mit mir nix anfangen wollen/können, weil ich kein (hach… seufz)-Mann bin, trotz männlichen Geschlechtsorgan? Das ist voll die Ausgrenzung dort…

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