Die letzt’ Worscht
Wir hier in Hessen, genauer gesagt im Rhein-Main-Gebiet, noch genauer formuliert in Frankfurt/Offenbach haben ein Problem. Allerdings ist das Problem nicht so groß, daß es die DE-Politik um Amerikas zukünftigen White House-Mieter hinten anstehen läßt. Eher das Gegenteil. Hohe Politik übersieht kleines Fleckchen in Hessen, putzt einen Platz in Berlin heraus, damit wer da eine Rede schwingen kann, denn “An seinen Taten soll er gemessen werden” gilt ja nicht mehr. Schöne Reden halten ist wichtiger, kennen wir ja von unseren Landesfürsten her. Hilft uns aber alles nichts hier unten im Apfelland, zwischen Hessen und Thüringen bahnt sich Ungemach an, ein Grenzkonflikt baut sich bedrohlich über dem idyllischen Fleckchen Erde des Landesfürsten Roland Koch auf.

Einkaufstag. Familie groß und klein schiebt die erstandene Ware über dem Parkplatz zu den Fuhrwerken, vorbei an vielen anderen Fuhrwerken, auch einem Fuhrwerk, wo der Magen vermeldet: Sofort Halt einlegen!
Aus Thüringen kommt das Fuhrwerk, schick angemalt und es duftet verlockend nach der berühmten Bratwurst aus Thüringen. Mit einem Becher Milchkaffee in der einen Hand, der Jutetasche in der anderen, bekommt der Magen den Hinweis gereicht: Nur Geduld, erst noch den Kaffee zu Ende schlürfen. Alles geht nun mal nicht auf einmal.
So stehe ich am Rande der Szenerie, betrachte das Treiben am thüringischen Furhwerk und stellte fest: Die Würste werden immer weniger und es werden keine nachgelegt. Der Kaffee wurde schneller geschlürft als sonst, als eine Offenbacher Großfamilie, mit Oma, Opa, Enkelkind, das Fuhrwerk aus Thüringen regelrecht stürmte. Für mich das Signal, jetzt aber nicht mehr bummeln, es gilt sich die letzte Wurst zu sichern. Die Köpfe der Großfamilie abgezählt, die Würste die noch auf dem Grill lagen… theoretisch wandert die letzte Wurst aus Thüringen in meinen Magen, falls nicht Opa oder der Filius der Familie einen Bärenhunger verspürten.
Den thüringischen Wurstgöttern sei Dank, die letzte Bratwurst blieb mir. “Macht zwei Euro” so sprach der Mann aus Thüringen. Ihm zwei Euro in die Hand gedrückt, ein Klacks Senf auf die Wurst gegeben, als ein älterer Herr hinter mir, der nun keine Wurst mehr bekam, den Bratwurstmann aus Thüringen fragte: “Macht ihr schon Feierabend, gar kei Worscht mehr da.”
“Wir haben keine Würste mehr. Bis zur Grenze zu Hessen war alles in Ordnung, hinter der Grenze fing das Unglück an. Er ist verschollen, niemand weiß wo die Würste derzeit unterwegs sind, und ich kann ja nicht heimfahren, Würste holen, wer will die bezahlen? Drei Euro für eine Bratwurst?”
“Ach, euer Wörscht sind so gut, da zahlen mer auch drei Euro.”
Mir blieb ja bald der Schnippel thüringische Bratwurst im Hals stecken, als ich diesen Satz hörte. Drehte ich mich rum und sprach:
“Guter Mann, sie mögen die Euros ja zum fressen haben, aber bedenken sie eines, die sind von drüben, die sind mit Bauernschläue aufgewachsen. Ab morgen haben wir prinzipiell ein Grenzproblem, kostet die Wurst aus Thüringen drei Euro - wegen ihnen. Essen sie 100 Würste für a drei Euro? Sie werden es müssen und der Einzigste sein, denn blöd sind wir Hessen nun auch nicht.”
Haben sie gelacht und der Mann aus Thüringen versicherte, die Bratwurst aus Thüringen kostet auch morgen noch zwei Euro. Er hofft ja, daß der Nachschub sich einfindet, denn die Hessen wollen ja die gute Bratwurst aus Thüringen.
Hat er Recht, die Bratwurst aus Thüringen schmeckt einfach toll, kann man nicht vorbeilaufen, wenn sie gerochen wird.
Verfaßt unter…
Zeit: 40 Min.
Getränke: Kaffee
Verzehr: —
Musik: Robert Rich - Numena
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