Ihr wißt ja vielleicht, daß ich ein treuer Begleiter der Frankfurter Rundschau (FR) bin. Meine Eltern der “Frankfurter Neue Presse” (FNP) treu ergeben waren. Waren, denn seid Vater gestorben ist, ließt Muttern nur noch die “Bild” als Tageszeitung und hat die FNP abbestellt. Naja, ich weiger mich ja auch nur das Blatt anzufassen und da sagte Muttern immer mit so einem Unterton: “Du hast ja deine Rundschau”. Mittlerweile fragt sie nicht mehr, ob ich in die “Bild” reinschauen will, wenn ich sie besuche. Aber vor paar Tagen gab es einen Seitenhieb von Muttern.
“Die Rundschau entläßt 200 Leute, steht hier in der “Bild”. Naja, mit der Rundschau sieht es nicht gut aus. Hat sie schon recht. Wahrscheinlich wird unter den 200 Leutchen bestimmt die letzten Korrekturleser sein. Trotz des Einstig einer SPD-nahen Stiftung oder wie immer man das nennt, kommt die FR nicht mehr so recht auf die Füße. Ob sie den geplanten Umzug ins Depot (Sachesenhausen) erleben, wage ich mal zu bezweiflen. Bis es soweit ist, steht ein neues Format an. Man wagt den Sprung in eine andere Dimension. Zauberwort: Tabloid-Format.
Zuerst dachte ich ja, das ist sowas für die kleinen Handcomputer. Aber nein, Tiefflieger von rechts – nur halb so groß, Tiefflieger von links – doppelter Seitenumpfang. Oh, nach Deckung suchend der Hinweis: Revolverblatt = Provinzgröße. Ja, das ist tiefste Provinz. Niveau “Offenbach Post” oder “Gelnhäuser Tageblatt”. Das klingt zwar abwertend, aber bitte, im Feuiletton tummelt sich dann Georg mit der Wersi-Orgel vom Taubenzuchtverein Rebstock, und wenn es ganz schlimm kommt, seitenweise Auszüge von Dieter Bohlens Liebesleben. Oder die Stars und Sternchen der Soapserien und zur Not werden dann die “Bildreporter”, also die eigenen Leser, eingespannt. Gibt es dann Freikarten zu gewinnen. Nix mehr Nick Mason, wie am 25. Februar 06. Tolle Bilder, klasse präsentiert, schönes Interview. Vorbei. Das Anzeigenformat überdeckt jeden Ansatz einer hintergründigen Berichterstattung. Die Anzeigenkunden zahlen ja nicht mehr für ein kleineres Format. Und die Überschriften… naja. Also ich hab mal eine zeitlang “News” gelesen, so nebenbei. Die ist ja auch so klein gewesen. Das war nix. Furchtbar. Außerdem geht das eigene Image in den Keller. Sitzt in der Straßenbahn, holst da so ein gefaltetes Irgendwas zum Lesen hervor. Kein Kontakt mehr zum Nachbar beim umblättern. Oder die Mitleser fallen weg, die sich nur die “Bild” leisten können. Um beim Beispiel vom 25. Februar 06 zu bleiben; “Die Geschichte ist erstmal zu Ende” – Schlagzeuger Nick Mason über den anhaltenden Pink Floyd-Kult. Ganz groß. Nick Mason. Dickes fettes Pink Floyd-Bild. Da holt man sich ‘ne Tageskarte für die Straßenbahn und zeigt der Welt den Inhalt der FR. Das macht doch was her. Aber so, nur noch so ‘ne Tabloidformat… hm. Naja, kann die Marktfrau den Fisch drinn einpacken. Dafür ist dieses Tabloid-Format bestens geeignet. Echt marktgerecht.
Nun ja, warten wir mal ab, was im Sommer an tabloiden Design kommen soll und ob es die FR dann überhaupt noch gibt. Die “Abendpost & Nachtausgabe” gab es auch von heute auf morgen nicht mehr – auch ohne Ankündigung.
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