Hütchenabend


Kennt wer noch den Hütchenabend oder gehört dieses Wörtchen auch schon zur aussterbenden Spezie? Vor vielen, vielen Jahren, zu der Zeit, als meine kaputte Levis, die heute Kultstatus hat, noch nagelneu war, da gab es solche Hütchenabende in den Discos. Asbach mit Cola (nicht umgekehrt) für 2 DM oder so, irgendwie, jedenfalls ganz billig. So eine Levis hat damals so zw. 60 DM und 80 DM gekostet, der Lehrlingslohn war so um die 150 DM, die 2 Liter Rotweinflasche kostete 1,50 DM. So ‘ne ganz billige Fusel - Pennerglück auch genannt. Es gab kein Flatrate-Saufen damals, nur wir Jugendliche waren bestimmt nicht weniger besoffen, als wie es heute aufgezeichnet wird.

Im anderen Beitrag schon erwähnt, im hessischen Hinterland wird alle sieben Jahre, drei Tage nonstop gesoffen – die anderen sechs Jahre wird man für diese drei Tage geeicht. Ich war damals 16, es hat niemanden interessiert, ob ich mich dadurch ins Koma saufe oder die Abkürzung über den Friedhof nehme - weder in Wiesbaden, noch bei den örtlichen Ämtern. Und den Jugendschutz gab es damals schon. Selbst für die staatlichen Bediensteten einer Aufbewahrungsstätte für besonders gefährdete Jugendliche – für die Gesellschaft ein heikles Problem – war es irgendwie normal, daß alle 7 Tage mind. 30% der Schutzbefohlenen sturzbesoffen zwei Tage in der Ecke lagen, am Montag so halbwegs wieder ansprechbar waren. Meistens erfolgte aber eine Krankmeldung. In drei Fällen, wo ich weiß, ging es für jene ganz böse aus. Der eine kam in eine Anstalt (Hirn kaputt gesoffen), der andere in die Jugendstrafanstalt (Nutte erstochen, die über sein Leistungsvermögen gelästert hat) und einen anderen traf ich in der B-Ebene Hauptwache – Junkie, sein Leben mit 18 Jahren vorbei. Und begonnen hat alles im 7-Tage Turnussaufen beim Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV).

Aufklärung? Fehlanzeige. Der Leitspruch: „Kannst saufen, kannst auch in die Schule, zur Arbeit gehen.“ Übersetzt: Du kannst saufen so viel du willst, aber am Montag wieder auf der Matte stehen. Was aber mit der Sauferei noch einhergeht – Schweigen.

Nun ist das heute ja ein bißchen anders, aber das Problem sind nicht die Jugendlichen. Daß man nun in Wiesbaden durch Statistiken feststellt, daß mehr Jugendliche im Krankenhaus sich wiederfinden, als noch vor zwei Jahren, sollte zu denken geben. Tut es aber nicht. Statt das Übel bei der Wurzel zu packen, wird es übergangen. Der eiskalte Jägermeister, läßt nicht nur Hirschen das Geweih schrumpfen. Was als Partyknaller zur besten Sendezeit verkauft wird, ist Rattengift für den Körper. Ich erlebe daß hautnah im Bekanntenkreis – nur mit Jägermeister, dem Partymuntermacher schlechthin, geht alles vor die Hunde. Drogenabhängig mit Alkohol; eiskalt serviert aus Wolfenbüttel/Braunschweig. Und man steht dann hilflos vor einem Häufchen Elend, was Rotz und Wasser heult und drei Tage später fährt der nächste Jägermeister-Express. Und nichts hält ihn auf.
Es ist einfach an Jägermeister ranzukommen, obwohl es ja bestehende Gesetze bereits gibt, die dies verhindern sollen. Doch wer will kontrollieren, ob sie auch angewandt werden? Man kennt doch die Mutter, den Vater des Jugendlichen, und so wandern Zigaretten, hochprozentiger Alkohol in Kindes Hände. Und notfalls besorgt es der große Bruder/Nachbar. Jugendliche sind besonders findungsreich, wenn es um Dinge geht, die man ihnen verwehren will, sie aber dennoch sich zulegen wollen. Komplette Ausfälle mit Boonekamp bei einem Elternteil erlebt, Kranzsaufen mit Kümmerling bei Kumpels - kannst nix machen und die Folgeschäden sind irreparabel, nicht nur für die Betroffenen.

Ich weiß nicht, wie man diesem haltlosen Saufen beikommen kann. Die drei Tage Kopfweh und Kotzübelkeit scheinen da nicht zu wirken.
Mir war das Grund genug, die restlichen zwei Tage Burschenschaft mit jungen 16 Jahren auszulassen - nie wieder! Und die drei Fälle der Auswirkungen haben mich darin bestätigt - scheiß Sauferei.

Link: Marcus Bocklet (FR)

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