Petersilie
Bastian Sick, Autor der „Zwiebelfisch“-Kolumne des “Spiegel” (aktuell: “Es tutet der Tutwächter”), stand der Frankfurter Rundschau Rede und Antwort. Im Mittelpunkt: Gutes und schlechtes Deutsch, kurzum - Die deutsche Sprache, der mit dem Dativ tanzt. Dies konnte man am 21.01.2006 in der Printausgabe nachlesen.
Schon die Tatsache ansich, daß ein Kolumnist mit seinem Webblog in der FR einen Auftritt hat, ist schon bemerkenswert. Normalerweise halten sich die Printmedien mehr in den unteren Gefilden des WWW auf, auch bei den sogenannten Tagebüchern, den Blogs. Nicht so die Frankfurter Rundschau. Wenn, dann etwas außergewöhnliches, was ja auch „Zwiebelfisch“ ist. Und so konnte und kann man folgendes lesen, was den Kolumnist dieses Blogs nachhaltig geprägt hat:
(FR) Bei den meisten Zeitungen wurden die Korrektoren abgeschafft, was in den Blättern eine Häufung von Fehlern zur Folge hatte. Was sagen Sie als ehemaliger Schlussredakteur dazu?
Bastian Sick: In der Tat verzichten immer mehr Zeitungen heute auf Korrekturleser, um Kosten zu sparen. Die verantwortlichen Verlagsmanager unterschätzen dabei, welche Negativwirkung Fehler auf den Leser haben. Wenn Sie einen Artikel lesen zu einem Thema, das Sie eigentlich interessiert, und Sie stolpern bereits in der dritten Zeile über den dritten gravierenden Fehler, dann verlieren Sie die Lust am Weiterlesen. Das ist wie bei einem Gespräch, in dem Ihnen ein Bekannter etwas Wichtiges erzählen möchte. Leider hat er ein Stück Petersilie zwischen den Zähnen, das Sie völlig nervös macht. Irgendwann achten Sie nicht mehr auf das, was er sagt, sondern sehen nur noch das Stück Petersilie.
Kommt ja nicht von ungefähr und irgendwo ist sie einem irgendwie in dieser Form schon einmal begegnet- die Petersilie zwischen den Zähnen. Und gestern (27.01.2006) sprang sie einen regelrecht an. Wieder in der Frankfurter Rundschau, wieder in einem Interview; diesmal Seite 5. Nun durfte Oskar Lafontaine sich zu einer möglichen deutschen Beteiligung am Irak-Krieg der Amerikaner äußern (BND-Affäre). Der Inhalt nebensächlich, wie Oskars Erscheinungsbild auf der politischen Bühne auch. Die Petersilie hat uns im Griff, denn nun liest man folgendes, dies in Anbetracht der Diskussion der deutschen Sprachpflicht auf deutschen Schulhöfen:
(FR) Herr Lafontaine, ist es für aufrechte Linke nicht ein wenig peinlich, dass nun ausgerechnet zwischen Sie und die FDP kein Blatt Papier mehr passt ?
Oskar Lafontaine: Ach was. Wenn wir Aufklärung darüber haben wollen…
Die Fragestellung habe ich während der Fahrt mit der Linie 16 einmal, zweimal gelesen, die FR beiseite gelegt, mein Gegenüber angeschaut – er würde es nicht verstehen –, noch einmal gelesen und den Blick gen Oberrad gewandt. Dort sind die einzig wahren Kräuter für die Frankfurter Grüne Soße zu finden, auch die Petersilie. Ich hätte es wissen müssen. Wenn schon ein paar Hotels verkünden, daß sie fast ausgebucht sind für die vier Fußball-WM-Tage die in Frankfurt stattfinden, dies der FR eine Megaüberschrift am Abend wert ist, man von einem Schub für Frankfurt dabei spricht, kann ja der Rest auch nicht besser sein. Da fällt das Leerzeichen zwischen dem letztem Wort und dem Fragezeichen schon gar nicht mehr ins Gewicht. Was es wohl dort zu finden hofft? Die vermißte Schnittlauchmenge? Die gab es doch schon an der Galluswarte in leuchtenden Buchstaben, mannshoch zu lesen zum Thema Verkehrsführung:
(nicht wundern, wenn’s nicht gescheit läuft… das ist bei Frankfurts städtischen Webdesignern so, daß sie nur den Internet Explorer kennen und wahrscheinlich dessen ActiveX-Feature lobpreisen, trotz ständiger Warnungen, Sicherheitsbedenken und Schlupflöcher für kleines Ungeziefer).
Mainz wie’s singt und lacht im Januar, an einem Abend in Frankfurt. Es wird peinlich, wenn man vor lauter Wortspielerei vergißt, was und wen man ansprechen will. Die Mainzelmännchen scheiden in diesem Fall schon mal aus, oder? Es sei an dieser Stelle vermerkt, daß diese Art Posse mittlerweile 10 Jahre und älter ist, ihren damaligen Höhepunkt in der Kleinschreibung eines gesamten Textes fand, ohne dabei die Originalität des Originals zu erreichen, was nachhaltig einer affigen Provinzposse gleichkam. “Keyboards” ist und war nun mal nicht “Frontpage”. Und, “Beim erstenmal tut’s immer weh” (Abwärts 1982). Daraus resultierend: ’s geht so und so abwärts, nicht nur hier in Frankfurt, nicht nur mit der deutschen Sprache und deren kreativen Gebilde, welche als geniale Einfälle verkauft werden.
Und für die FR: …zwischen ihnen und der FDP… und kein Leerzeichen vor dem –> ?
“Die Zeit” vom 26.01.2006 fragt: Kann man den Medien trauen?
Eindeutig nein. Zuviel Petersilie.
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