Kennt wer noch Zirkeltraining? Das ist nicht einen Kreisel am laufen zu halten, schön bunt die Farbspiele dann sind, ob mit oder ohne Heulton, Handbetreib oder mit Peitsche, sondern das ist eine winterliche Sportübung. Im Kreis der Turnhalle sind dann so halsrecherische Geräte aufgestellt – Stufenbarren, Reck, so eine blaue Matratze (für Purzelbäume), dann so Kisten (wenn man nicht hoch genug hüpfte, ist man mit dem Gebilde, was aus vier oder fünf Teilen bestand, auf die dahinterliegende blaue Matratze gelandet), Medizinball, Reifen (schmal und aus Holz), Stangen hochklettern und noch so Kram. An diesen Geräten mußte man verschiede Übungen machen, das Ganze im Uhrzeigersinn sich vorwärtbewegend mehrere Runden lang. Wir Jungs hatten getrennt von den Mädels Sport und wenn weibliche Übungsleiterinnen unseren Sportlehrer vertreten mußten, waren sie immer davon sehr angetan, dieses Zirkeltraining uns vermitteln zu wollen. Deswegen haben wir auch immer geschaut, ob das Auto von unserem Sportlehrer auf dem Parkplatz stand, war nämlich Höchststrafe dann, wenn er krank war. Dumm nur, wenn das Auto da war, er aber anderswo Vertretung machen mußte. Er war ja nicht nur Sportleherer, somit kam dann doch Frau zum zuge:

“Kinder, Zirkeltraining.” Übungsleiterin klatscht in die Hände
(es erfolgt ein Aufstöhnen unter den männlichen Teilnehmern des Sportunterrichts)


Falls wer das nicht mehr kennt, das gibt es heute immer noch. Nicht als sportliche Übung im eigentlichen Sinne, sondern als Content an jeder Internetecke. Content sind Medieninhalte. Das können Bilder sein, Filmchen und Texte jeglicher Couleur. Auch dieser Textbeitrag wird als Content deffiniert. Der Content steuert die Leserbindung. Es steht also die Frage im Raum, wie ereiche ich, daß ich ganz viele Besucher auf die Webseite locke. Sind sie da, wie erreiche ich, daß sie lange bleiben, anfangen zu stöbern, sie auch immer wieder gerne kommen, mich sogar als Lesezeichen bunkern. Das sind Fragen, die sich jeder stellt, schon immer gestellt hat, wenn er ein Medium veröffentlichen wollte. Und jetzt stehen wir vor einer Weiche und die Frage taucht auf: Bediene ich den Markt oder ziehe ich unabhängig vom Trend mein Ding, so wie anfangs angedacht, durch? Nun kommt der Kostenfaktor ins Spiel.

Einwurf: Als ich das Fanzine aufzog (Print) war klar, die Top 1000 überlassen wir den anderen, wir gehen an die Basis. Nicht der Leser bestimmt den Inhalt, sondern wir führen den Leser an Orte, die er nicht kennt. Um es kurz zu machen: Wir (auch ein Fanzine kann man nicht alleine gestalten) waren zwei Jahre vor Keyboards, wir haben eine Sendung des WDR stillgelegt und das was heute Sony als Mider-Massenware rauspulvert – Erotic Lounge in allen Wortgebilden – das hatten wir schon 1994. Ich bin ja als am überlegen, ob ich nicht auf Groove Garden “Das Original” draufpappe. Aber genug damit, sonst kommen wir durcheinander. Zurück zum Content und der Leserbindung.

Nun haben die Zeitungsverlage ja ein Problem. Die Werbebranche bricht ein, Abonnentenzahlen stagnieren bzw. gehen zurück und man liest seine Zeitung im Internet. Der Leser im Internet selbst ist aber nicht bereit dafür zu bezahlen, das haben Feldversuche ergeben. Ich selbst würde auch nicht für einen FR-Artikel die paypal-Geschichte bemühen, ich hole mir lieber die Printausgabe. Und wenn ich mal bei der FAZ lunzen will, die wollen für einen Artikel Geld haben, gut, dann eben nicht. Würde ich dort öfters lesen wollen, wäre zu überlgen, nicht doch bei ihnen ein Internet-Abo abzuschließen. Denn eines darf man nicht dabei außen vorlassen, guten Journalismus gibt es nicht umsonst. Ob man die FR/FAZ mag oder nicht, die Menschen dahinter investieren nicht nur ihre Zeit – so ein Artikel schreibt sich nicht von selbst, auch der Inhalt fällt einem nicht wie das Blatt von dem Baum vor die Füße.

Einwurf: Als ich das Fanzine hatte, sind wir wegen ein paar Interviews nach Berlin aufgebrochen. Dort haben wir Olaf Zimmermann (Radio Brandenburg), Johannes Schmölling (Tangerine Dream, aber wegen seinen eigenen Projekten angesprochen) und Cosmic Baby interviewt, bei kdm (Manager von Klaus Schulze) durften wir übernachten und sind am anderen Tag von Berlin nach Wien aufgebrochen, dort wartete Achim (Roedelius) auf uns. Das Ganze dann von den Casetten zu Papier gebracht, unsere Korrektur/Gegenleserin war Gold wert. Soll euch nur aufzeigen, was hinter so ein bißchen Text stecken kann.

Nun ist ist die Zeit nicht stehen geblieben, das Internet entstand und paralell dazu eine Software, die es ermöglicht, Leser zeitnah in die Geschehnisse einzubinden. Anfangs waren es dazugehörige Foren, heute läuft das alles auf gleicher Ebene, der Artikel generell mit der Möglichkeit eines Kommentares im Internet anzutreffen ist. Paralell dazu ein Blog und seit Wordpress zur Volksblogware wurde, ist es ein leichtes sich im Internet mitzuteilen. Das ist gut so, denn an der Technik soll es letztendlich nicht scheitern. Und wenn man selbst nicht Hand anlegen will, bedarf es nur einer Anmeldung und man ist stolzer Besitzer eines Blogs (Bsp.: Blogger, Wordpress).

Und nun kommen wir zum Zirkeltraining. Wir begeben uns zur Frankfurter Rundschau. Die Frankfurter Rundschau (FR) betreibt verschiedene Blogs, es sind nicht wenige (eine Auswahl erspäht man rechts unten in den einzelnen Blogs). Von Blog-G (Eintracht Frankfurt) über die Geschichte der Stadt, den “Frischlingen” bis hin zum fr-blog, wo Bronski die Leitung inne hat. Und der fr-blog mit Bronski ist ein politischer Blog. Leser schreiben der FR, Bronski fischt interessantes/provokatives heraus und stellt es als Diskussionsgrundlage in den Blog. Die Grundidee solcher Blogs ist ja, daß das Volk sich mitteilen kann, was es von den Dingen hält, die Politik dann die Stimmungslage im Volk zu den einzelnen Entscheidungen ersehen kann. Aus der Grundidee ist mitlerweile eine Beschäftigungtherapie – für wen auch immer – geworden, eine andere Art der Leserbindung. Nun pflegt Bronski Teile aus dem Blog in die Druckausgabe der FR zu setzen, ein weiterer Anreiz für den Blogleser dort sich einen Stuhl hinzustellen. Die Kürzel rü hat man auch schon in der Printausgabe der FR gefunden, weswegen man mir dann ein Schild bei Bronski “besonders gut” hinstellte. Die Kombination Blog – Print scheint bei einigen eine besondere Motivation auszulösen. Wer mich kennt, weiß, daß dies bei mir nicht zutrifft. Ich habe die Frankfurter Neue Presse auflaufen lassen (der soll sein Job machen und nicht alles auf dem Silbertablett serviert haben wollen. Wie das ausging wissen Stammleser – 80% Unwahrheiten an Fakten, 20% Meinung (ist ja ok) in der FNP, von einem Wohnzimmerjournalisten), und politische Leserbriefe lese ich aus Prinzip nicht. Bronski lese ich im fr-blog, in der FR selbst nicht. Im Regionalteil lese ich die Leserbriefe, denn die Kombination FR-Artikel und Leserbriefe kann schon einiges voran bringen. Dann ist die Rede von einer Ortsbesichtigung und auf einmal steht wer vom Römer bei der FR. Dann überlegen sie zumindest, oder erklären warum nun… Da lohnt es sich viel eher, die Tastatur zum klappern zu bringen.

In den politischen Blogs kann man nichts bewegen. Das beste Beispiel ist Schäuble. Wann fing das an mit den Eselsohren, wo ein halber Schäublekopf hervorlugte? Bestimmt schon über zwei Jahre her. Hat es Schäuble daran gehindert seine BKA-Geschichte zu installieren? Ein eindeutiges Nein. Was passiert stattdessen? Man feierte die Sachsen-SPD als Helden, weil sie sich enthalten wollten, andere Länder nachzogen. Nun hat wer an einer Schraube gedreht und die Sachsen-SPD, wie andere, werden das BKA-Gestz abnicken. Und nun?
Eine neue Verfassung muß her. Und bei Bronski findet man gleich dazu einen Entwurf. Nein, kein Entwurf, ein Forderungskatalog. Aber wie die Forderungen umzusetzen sind – Schweigen. Stattdessen werden die Grundrechte mit diesen Forderungen beschnitten, die man als vorletze Forderung einfordert. Das ist ja noch besser als Schäuble es vorlebt. Und sie merken es nicht, hoffen aber auf Beachtung seitens der politischen Klasse.

Nicht anders beim Thema Asyl. 90% bekommen kein Asyl, aber die 10% die Asyl bekommen, sollen mindestens den Hatz IV-Satz bekommen. Und die 90%? Einen Tritt in den Arsch. Aber davon wollen sie nichts wissen. Und was ist, wenn die 90% auch noch da sind? Nicht einmal für die 10% der Asylsuchenden können wir etwas weiterbringendes aufbauen. Wir können nicht mal die Kinder der dritten Generation unserer ausländischen Mitbürger mit deutschen Paß eine Zukunft gestalten.

Und wenn Bronski nur “SPD” anführt, das Zirkeltrainig schlechthin, dann findet man gleiches Meinungsgebilde beim Stichwort “Ypsilanti” wie bei “Clement” oder nächste Woche bei “Schäfer-Gümbel”. Beschäftigungstherapie, Leserbindung der anderen Art, Zirkeltraining. Bronski selbst kann ja am allerwenigsten dafür, bei Hebel findet man Gleiches, ein wenig anders serviert. Dort sitzen die ex-Bronski-Mitblogger, die immer auf Bronski und die FR geschimpft haben ;-)
Nicht anders bei der FAZ oder der taz, die Liste ist unendlich lang. Nicht mal alle Meinungsblogs des deutschen Web zusammen, einschließlich meinem Geschreibsel, der Kommentare unter den Artikeln, haben Schäuble aufgehalten. Was muß man nun machen, um dem gegenzuwirken? Statt Zirkeltraining, gebetsmühlenartig die Abwehrmaßnahmen durchkauen. Das ist natürlich nicht so unterhaltsam, erfordert auch ein bißchen mehr, als nur die Tastatur zu bedienen. Und wenn die Abwehrmaßnahmen im Stil der Firefox 3.0-Präsentation (Wirtschaftsteil der FR) präsentiert werden… naja, besser als nix, ne?

Wieviele Kameras auf den Straßen, dürften überhaupt nicht in Betrieb sein und dennoch überwachen sie alles. Abwehrmaßnahme?
Also, für mich ein Leichtes. Ich rasiere mir ja schon die Beine, trage Strumfhosen von den Mädels, einen Bart habe ich nicht, Umhang um und proforma mit allem Schnickschnack zum muslimischen Glauben gewechselt. Das Vermummungsverbot wird somit umgangen, die verräterische Strumpfmaske, die normal gegen Kälte beim Motorradfahren getragen wird, dann auch nicht eingesetzt werden muß. Muß das Grundgesetz erst wieder geändert werden, um mich in voller Pracht bewundern zu können.

Ich will damit sagen, politisch werden wir nie etwas über die politischen Blogs erreichen, schon gar nicht mit der Forderung nach einer neuen Verfassung, oberflächlischen “hau drauf”-Geschreibsel. Weder Merkel noch Steinmeier sitzen vor den Blogs, nehmen sich alles zu Herzen, wägen ab oder sagen dann: “Na gut, lassen wir es halt.” Alfred Neven Dumont hat es auf den Punkt gebracht. Was bleibt sind radikale Methoden, keine schönwollenden Wortgebilde. Es stehen viele Existenzen auf dem Spiel und es ist gang und gäbe gewoden, ein junges Leben zeitlebens zum Abfallhaufen zu befördern.

Und was steht bei Bronski?

Die urdeutsche Tugend ist es sich ein Haus 10 Mal kaputt machen zu lassen, es zum 11ten Mal wieder aufzubauen.

Nennt sich gezielte Volkswertevernichtung hinzunehmen, aber bei dieser Art Verfassung die da zu lesen ist, ist dies kein Wunder. Das erinnert an das Wahlplakat von “Die Linke” in Frankfurt: “Kostenloser Nahverkehr für alle.” Fährt dann Ali den ganzen Tag Straßenbahn, hat ja auch was.

Einzig bleibt, im Falle Schäuble/BKA, aufzuklären. Ich kann mich wehren, mein Nachbar auch, aber nicht die Familie meiner Schokoladentauschbörse. Bin ich sozial engagiert, dann es nicht nur bei Textgebilden in den Blogs belassen. Der Tischbabbler gleich daneben sitzt. Das gilt prinzipjell für alles, denn das Umfeld meiner Schokoladentauschbörse hat ganz andere Probleme. Wenn ich da mit Schäuble ankomme, ernte ich fragende Blicke: “Wer ist dann des?” Und das ist ein Zirkeltrainig, was sich zwar auch wiederholt, aber zumindest einen Mehrwert mitsich bringt, auch Auswirkungen zeigt. Nebenbei man auch ein Lächeln geschenkt bekommt. Ein politscher Blog da nicht mal ansatzweise rankommt. Vergebene Lebensmühe.

Link: Bronski – das FR-Blog


Verfaßt unter…
Zeit: 3 Std.
Getränke: Kaffee
Verzehr: Nutellabrot
Musik: Groove Garden 2 | Freezone 1 | The Art of Noise – The Drum and Bass Collection

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2 Anmerkungen zu “Zirkeltraining”

  1. Putzlowitsch sagt:

    Jau, Zirkeltraining kenn ich, hieß bei uns Kreistraining. Was macht man denn üblicherweise mit einem Zirkel? :-)

    Das Mediale Zirkeltraining könnte man auch als “dreht sich im Kreis” bezeichnen, kommt nicht von der Stelle, beißt sich selbst in den Schwanz.

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