Abschied


So langsam aber sicher heißt es Abschied zu nehmen. Seit vier Wochen nur über Schläuche überlebensfähig und die Frage nach „aktiver Sterbehilfe“ brennt sich in den Kopf ein. Er will nie an Schläuchen hängen, sagte er einmal, vor langer Zeit. Nun ist es so gekommen. Gestern ein Kopfschütteln eines Arztes, auf die Frage, wie es um ihn steht und Mutter altert täglich. Mit jedem Tag des Leides von ihm, entweicht aus ihr die Lebensfreude. Die Augen haben an Glanz verloren und ein Schatten liegt auf ihrer Seele.

Gestern sprach sie zum ersten Mal davon – vom Abschied.

Abschied. Vater wird gehen.

Mit 15 Jahren, nur Flausen im Kopf, die Welt erobern wollen, kehrte ich dem Elternhaus den Rücken zu. An jenem Tag des Abschieds, begleitete mein Vater mich, und er tat etwas, was er sonst nie tat – er nahm meine Hand und umschloß sie fest - dann ließ er mich gehen. Erst viele Jahre später habe ich begriffen was er mir damals damit sagte.

Viele Tage stehe ich nun an seinem Sterbebett und drücke seine Hand. Abschied. Wohin er auch nun gehen möchte, sein Hand werde ich dann loslassen.

[Nachtrag: Am 07.11.2005 starb Vater. Großes Leid auf lange Zeit ist ihm erspart geblieben]

Tags: Abschied, Vater

Die Kommentarfunktion ist hier ausgeschaltet.