Maskenball
Ghostmodus, Verbannung, Morddrohungen - UO (Ultima Online) hält einige Dinge bereit, die einem den Alltag unterhaltsam gestalten. Ein Mix aus Underworld, Blade, Artus und nicht zu vergessen HdR, ist das, was gescheiterte Existenzen - ich schreibe das nun mal so leichtfertig dahin - bereithalten, um ihr Sein auf irgendeine Art aufzuwerten. Und wehe einer wagt es, dagegen ein Wort zu richten, denn wenn ich schon im RL (realen Leben) nichts gebacken bekomme, dann will ich wenigsten im UO-Land der Held sein. Man liest und staunt: “Nein, das Spiel hat keinerlei Auswirkungen auf mein reales Leben” und siehe da, kaum geht man den Berg links herum, schon wird anderortens schweres Geschütz aufgefahren.
Da stellt sich die Frage: Was zieht einen in ein Spiel, mit uralter Grafik, wo es keinen Savepoint gibt, keine Cheats… größtenteils fremde Leute… Müßig darüber zu spekulieren. Von nie dagewesenen Rollenspielkomonennten ist oft die Rede… doch hinter der Scheinfasade ist dies alles andere, nur kein Rollenspiel im ursprünglichen Sinne, so wie es der Drachenlandverlag publiziert. Man nehme von jedem Dorf das, was einem gefällt - sprich: aus jeder Erzählung/Sage die Highlights - schüttelt kräftig und fertig ist der Mix. So rennen Zwerge mit Dummdummgeschossen herum (sic!), Elfen stellen goldheimsendes Irgendwas dar und Mensch darf, wie immer, die Sau rauslassen. Nicht zu vergessen die Verschnitte von Selene, Victor oder Lucien (Underworld). Versteht sich natürlich von selbst, daß jener Spielleiter, der diese Gruppe anführt, auch die Zwerge inne hat und, jetzt kommts, nur die Zwerge können Silberkugeln gießen, die sie dann mit ihren Vorderladern verschießen können, was auch nur die Zwerge können aufgrund der Kraft, wegen dem Rückstoß, die wiederum das einzge Mittel sind, um Werwolf mit samten Vampir ins Jenseits zu befördern, was natürlich nur eine Wiedergeburt zur Folge hat, es kein Jenseits im eigentlichen Sinne gibt. Diese Art Spielchen gehen dann soweit, daß ein Admin fünf Figuren bereithält - unverwundbar, sowohl als auch… -, alle schön aufeinander abgestimmt, einen Ausraster bekommt, weil ausgerechnet die einzige Person einer Gruppe, die nur aus dieser Person besteht und die er nicht unter Kontrolle hat, ihm zuwirft:
“Wir sind keine Wünschelrutengänger.”
Oha… das ICQ fängt an zu beben… ein Quest kaputt aber o Wunder, die Rittersleut’ mit Priesterschaft richtet es dann fünf Minuten später… Wie gut, daß Jesus irgendwann mal übers Wasser lief, denn im gleißenden Mondlicht des erfolgreichen UO-Abends ist für alle Welt zu lesen:
Der neue Plot rückte in greifbare Nähe, als eine Druidin am Ort des Geschehens auftauchte… und platzte, als sie genau so schnell wieder verschwand. Herzinfarkt ich komme. Also wieder umgeplant, dieses Mal die Brecheisen Methode.: Der Priester taucht noch einmal auf… [Zitat Ende – O-Ton]
Tja, so ist das, und wenn die Eiche aufgestellt ist, steht sie. Man braucht nicht zu erwähnen, daß Admin mit Gefolge gerne auf Po7 “Die Burg” dabei gewesen wären; aufgrund ihrer Larp-Erfahrung (Liverollenspiel). Man braucht nicht zu erwähnen, daß einzig nur noch die Spielleiter Waldfiguren aus den Hut zaubern, falls denn der Bedarf danach im Lande ist - die Spieler haben das Handtuch geschmissen. Und es zeigt nur all zu deutlich, wie weit Rollenspiel machbar ist. Erstrebenswert die wenigen Stunden des Tages, die man für sich hat, mit solch geistigem Tieffliegertum zu verbringern? Nein. Gewiß nicht. Wenn das Frühjahr wieder da ist, ist er wieder anzutreffen - der Mann, der mit seinem Cello an der Gerbermühle steht und spielt. Dieser Mann gibt vieles für den Tag, nur durch seine Anwesenheit, seinem Spiel - aber nicht diese psychosomatisch gestörten und gescheiterten Existenzen, die im Fantasywahn einem im ICQ zurufen “ich bringe dich um.”
Und ich sehe sie doch, die Kleingeister, die hintenrum mauscheln, mich verbannen, mich auf irgendwelche Listen verfrachten…
Ich liebe mein ICQ, das in wirklichkeit eine Mir-Sataion ist. Sie erzählt mir doch von morgens bis in die Nacht einige Geschichten, die das Leben so schreibt.
Grushim, der Zwerg, steht in seinem Kettenhemd, die Axt in der Hand, am Flußufer. Gerade weit genug entfernt, um sicher zu sein, nicht mit Wasser in Berührung zu kommen, aber immer noch nahe genug, um nicht für feige gehalten zu werden. Er macht einen entschlossenen Eindruck. Die anderen glauben ihm, als er sagt, daß er da nicht rüber geht.
Aira, die Halbelfenfrau, hat eine Idee. Sie geht auf Grushim zu. Tief schaut sie ihm dabei in die pechschwarzen, von unzähligen Runzeln umrahmten Augen. Er umfaßt seine Axt fester, obwohl er genau weiß, daß sie ihm nichts tun wird. Sie hätte auch gar keine Chance, gegen ihn anzukommen. Er war dabei als sie einst ihrem Gott schwor, niemals wieder jemanden tätlich anzugreifen oder sonstigen Schaden zuzufügen. Noch immer steht sie vor ihm und fesselt seinen Blick. Sie beginnt zu gähnen, Grushim blinzelt: „Zauberei.“ Ohne den Blick von ihm zu lassen, gähnt sie erneut. Grushim steht immer noch am Flußufer, aber seine Augen sind geschlossen. Er schläft. Aira schmunzelt ihre Freunde an: „So, rübertragen dürft ihr ihn.“
Als Grushim erwacht, befindet er sich bereits am anderen Ufer. Er tut so, als sei er sich des plötzlich veränderten Standortes nicht bewußt. Er will ja schließlich nicht sein Gesicht verlieren. „Kehren wir nun endlich um?“ Fragt er in barschem Ton und geht voran – in die Richtung, in die sowieso alle gehen wollten, nur er nicht.
Einen Mutigen zu spielen ist recht einfach. Man braucht sich wenig Gedanken darüber zu machen, ob dem Charakter diese oder jene heldenhafte Tat zuzutrauen ist. Ein Feigling hingegen kann zur allgemeinen Erheiterung der Gruppe/desShards beitragen oder alle zur Verzweiflung bringen.
Man weiß so wenig.
Tags: Rollenspiel, Ultima Online






