Welt hat den hiesigen Kontakthof entdeckt, was mich freut. Unter der Post war auch eine Anfrage einer Frankfurter Zeitung, die interessante Blogs aus der Region vorstellen will. Jener, der damit beauftragt wurde, hat einen standardisierten Fragebogen veschickt, in dem vorab erklärt wurde, wer da eine Anfrage schickt. Als Fragen wurden dann gereicht:
Wer bist Du/sind Sie/ seid ihr? (Geschlecht, Alter, Beruf/Tätigkeit – was für ein Mensch?)
Warum bloggen Sie – wie kam es dazu & was für eine Bedeutung hat es für Sie?
Wie würden Sie Ihr Thema o. Ihr(e) Anliegen beschreiben?
Seit wann bloggen Sie?
Wie stark und von wievielen wird das Blog besucht? Welche Aktivitäten gibt es?
Welche Technik nutzen Sie?
Einen Tag bin ich um diese Mail rumgeeiert und habe dann eine Antwort verfaßt, die ihn so gehen läßt, wie er gekommen ist.
Manch einer weiß es, manche nicht. Ich habe selbst ein Jahrzehnt für Zeitungen geschrieben, wurde ausgeliehen an andere Musikzeitschriften wenn es um spezielle Themen ging und begonnen hat alles in Frankfurt, als die Abteilung „Inside“ vom Inserat dicht gemacht wurde.
Als Reaktion auf die Schließung haben wir (alle aus dem Kreis Darmstadt) ein Heftlein gemacht, andere auch, und dort einen kurzen Pseudoüberlebenskampf geführt in der Hoffnung, das fortführen zu können, was mit „Inside“ wegbrach. Die Technik war aus dem Hause Atari, Calamus (DTP-Programm), ein Nadeldrucker und Endlospapier unser Handwerkzeug. Der Content wurde untereinander aufgeteilt, aber sehr lange hielt das Unternehmen „Pseudokultur“ auf kleinem Niveau nicht durch. Dies lag auf der Hand, denn gegenüber dem Inserat mit „Inside“, war der Verbreitungskreis von „COMM-unicate“ – so hieß das Heftlein, (Bild Jahrgang 1990) – auf die „Stammkneipe“ beschränkt. Das Inserat gab es in Darmstadt, Offenbach, Wiesbaden, sogar im Vogelsberg (mit Trikotwerbung bei einer Fußballmannschaft
), während wir dann irgendwo im Großstadtdschungel Darmstadt/Frankfurt unerkannt einen Überlebenskampf führten. Die Pseudokultur des Inserats lebte aber von der Reichweite, von neuen Nicks, neuem Geschreibsel, neuen Gesichtern auf Treffen… Den Nährboden für eine lebendige Pseudokultur konnten wir nicht aufbereiten.
Viele Monde später gleiches Spiel nur auf einem anderen Level und in der Musikszene. Als Ziel war von Anfang an dem damaligen eingefahrenen System in dieser Szene etwas entgegenzusetzen, den Musikinteressierten aufzuzeigen: Es gibt noch mehr, als das was der eine veröffentlicht, sein Kumpel sendet und ein weiterer in einem Magazin publiziert. Dem Dreigestirn die Hölle heiß machen und für den Leser der Pfadfinder sein. Mit sechs Leuten haben wir ein Magazin aus dem Boden gestampft und wir waren gut, haben verkrustete Strukturen aufgebrochen, die Leser in Regionen geführt, die sie bis dahin nicht kannten. Das ging soweit, daß Sven Väths Label, in diesem Fall Chris, der dafür zuständig war, in Köln auf einem Konzerttag vorstellig wurde und es dort Eye-Q/ROD-CDs zu kaufen gab. Immer lustig und wir fahren Omnibus. Chris hat keine CD mehr mitgenommen und sich geärgert, nicht noch mehr eingepackt zu haben. Wer nicht hören will…
Von Blonker bis Aphex Twin, von Temps Perdu bis Klaus Schulze haben wir alles abgedeckt. Die ChillOut-Zone in Frankfurt war eine andere als in Köln. Hier in Frankfurt kannten sie nicht Klaus Schulze, das war ein Erwachen an dem Abend und dann war Klaus Schulze in Frankfurt unterwegs. Eine lange Geschichte. In Köln hatte Namlooks „Dreamfish“ ebenso ein „Hallo wach“-Effekt. „Dreamfish“ von Pete Namlook schlug ein wie eine Bombe. Im „Soundgarten“ (Dortmund) sind seine Baßfrequenzen durch alle Mauern gekrochen und als hinterher „Tote Augen sehen Leben“ (sinngemäß) ankam, hat was gefehlt.
Der Job des Pfadfinders
Wieder später klopfte Berlin an, Freundin EFA, deutete in den Osten der Republik und der Schritt in die große Medienwelt ward getan. Der Grund war Can, Faust, Tangerine Dream, Klaus Schulze, eben Kraut und Rüben aus einer anderen Zeit. Nicht unerwähnt werden darf an dieser Stelle die Hilfe von Pauly (Eye-Q), der mir einige Regeln mit auf den Weg gab. Was man einem Fanzine nachsieht, ist bei einem amtlichen Magazin nicht mehr der Fall. „Dumme Bosse“, gar Gestammel, schlägt sich nicht nur auf den Autor nieder, sondern im besonderen auch auf das Magazin. Mein Bereich erstreckte sich dann von Köln bis Heidelberg/Stuttgart mit Schwerpunkt Frankfurt. Nun hatte ich auch einen guten Chefredakteur, der mir erlaubte neben bekannten Acts auch die Neulinge anzuschleppen. Das ist nicht überall so, aber im Osten der Republik sah man meine Auffassung über die Musik ähnlich, wo nebenbei erwähnt sei, daß der Osten die schönste Clubszene/-Kultur hatte – angefangen in Ost-Berlin.
Das Pfadfinderleben stand auch bei einer Auflagengröße von 100.000 Exemplaren im Mittelpunkt. Nur dem Leser Rechenschaft schuldig sein, das habe ich in all dieser Zeit gelernt. Denn zur Zeit des Fanzine, hatte ich einmal eine Ausgabe verkauft, in dem Sinne, daß wer die komplette Auflage bezahlte, weil er im Mittelpunkt dieser Ausgabe stand. Nie wieder, habe ich mir hinterher geschworen. Man fühlt sich nicht nur selber mies, wenn man andere Philosophien hat, sondern betrügt auch den Leser. Und das ist der Anfang vom Ende.
Und seit dieser Zeit steht der Leser im Mittelpunkt, nicht ich, nicht das Magazin, nicht der Act, in der Form, daß statusbedingt großes an Buchstaben gereicht wird. Das war nicht immer einfach, aber der beste Weg und dieser Weg wurde eher von den Stars der Szene akzeptiert, als denn von den Newcomern. Seltsam, aber diese Erfahrung trage ich mit mir herum. Es waren aber nur wenige und k.A. in welchen Sphären sie sich wähnten.
Nun zum eigentlichen Thema und zu dem eingangs erwähntem Schreiben. In meiner ganzen Zeit habe ich nie jemand gefragt, dessen Scheibe ich den Lesern vorstellen wollte, woher, wohin, gar standardisierte Fragen vorgelegt und gefragt, wieviel CDs sie bisher verkauften. Völlig uninteressant. Ich bin in die dunkelsten Löcher gekrochen, zu den ärmsten Etagen eines Wohnviertels die Treppen hochgestiegen, weil da wer saß, der interessant war. Arm wie eine Kirchenmaus, aber den Kopf voller Ideen. Interessiert es da wen, was er ist? Weswegen komme ich zu ihm? Warum bin ich bei ihm?
Ich war gerne Pfadfinder für die Leser und die Leser haben es einem auch gedankt, sei es durch Leserzuschriften, auf Partys, in der ChillOut-Zone oder über die Labels, die dann erzählten, sie haben gutes Feedback bekommen. Es war ein gesundes Miteinander, was dann um die Jahrtausendwende endete. Im Kopf ausgebrannt und den 5ten musikalischen Aufguß erlebt. Neues Blut muß es nun richten, wo die Begeisterung um einen 5ten Aufguß noch zu erlesen, diese die erste Entdeckung ist. Uns alten Pfadfinder können sie nun nichts mehr erzählen und wir die Begeisterung nicht mehr mit ihnen teilen.
Ich habe oft überlegt, ob ich nicht doch wieder verschlungene Wege gehen sollte, aber schon der nächste Gedanke dann – laß die Finger davon. Die Zeit ist eine andere, was zählt sind nun andere Dinge, die nur schwer mit dem was man erreichen will und wollte, zu vereinbaren sind. Ich habe lange gebraucht um Musik wieder wertfrei konsumieren zu können. Und das ist ein Gut, was ich nicht mehr hergeben will. Einfach Musik hören, sie genießen, ohne sie schon im Kopf für die nächste Ausgabe auseinanderzunehmen (nicht im negativen Sinne).
Was nun der Schreiberling der Frankfurter Zeitung mit diesem Blog macht, weiß ich nicht, wenn er denn durch die Antwort nicht alles verschreckt Richtung Mülleimer geschubst hat, was verständlich wäre. Sollte er dies noch lesen, sei ihm gereicht: Setz’ deine Maus in Bewegung und frage nicht Dinge, die mit drei Klicks von der Startseite aus zu erlesen sind. Ich habe was gegen Wohnzimmerjournalisten, die alles auf einem Silbertablett gereicht bekommen wollen. Ist dieser Blog interessant für dich und deine Leser, nimm ihn, ist er es nicht, dann laß ihn liegen, und wenn doch, frage gezielt und nicht mit einem standardisierten Fragebogen.
Ich gönne mir den Luxus meinen Besuchern einen Block ohne Zwänge anzubieten, wie die Putzlowitscher Zeitung. Und ich wollte nie einen Blog machen, Nemo ist dran schuld, nicht Tilo oder Torsten.
Ich glaube auch nicht, daß Frankfurter diesen Blog einordnen werden können… die fahren alle Straßenbahn, nicht Omnibus
In diesem Sinne, euch allen einen guten Start in die Woche.
PS: 6100 Zeichen hat dieser Beitrag (ändert sich noch), 10.000 Zeichen hatte ich für Reviews in einer Ausgabe zur Verfügung, 30 Produktionen lagen für eine Ausgabe vor um den Leser vorgestellt zu werden… das sind die Leiden eines Pfadfinders. Meine Interviews endeten oft hinter 20.000 Zeichen, einmal durfte ich, aber oft wechselten die Mails die Seiten: Kürzen. Aber ich hatte auch eine gute Gegenleserin, die das schon richtete, die leider in jungen Jahren verstarb.
Vielleicht doch ein kleiner Pfadfinder wieder werden… wenn man wüßte, was man nicht weiß. Aber darüber ein andermal.
PPS: Dieser Artikel ist unter dem Einfluß von Vangelis’ “El Greco“ entstanden und verfaßt worden. (Nicht wundern über die dortige Zurodnung Genre “pop” :twisted: , man kann bald nix mehr verlinken
)
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Tags: Content, Inserat, Pfadfinder, Pseudo
















