Weh, ach wehe!
Muttern hat vorhin angerufen, hat sich erstmal beschwert, daß sie schon mal angerufen hatte, ich wieder nicht dran bin. Ich war unterwegs, Ohrnstöpsel rein und los gehts. Handy daheim gelassen.
Kann ich ihr so natürlich nicht erklären, habe ihr gesagt, daß das Handy an der Ladestation hing, da der Akku fast leer war. Hat ihr nicht so gefallen. Muttern gefällt selten etwas. Vorgestern hat sie spät am Abend angerufen, gefragt was ich so mache, habe ich ihr gesagt, daß ich noch mal raus an die Luft gehe, Sterne zählen. Ihr liebe Leut’… welcher normale Mensch geht denn nachts spazieren, wo so viel passiert. Habe ich nur angemerkt, daß ich morgen ins Tierheim gehe, einen Hund adoptiere und mit dem darf ich dann sogar nachts um 12 noch raus. Wenn ich noch fallen gelassen hätte, daß da am Mainufer Radfahrer überfallen worden sind, dürfte ich nun auch nicht mehr am Main Rad fahren… am besten im Bunker sich einmauern, bis zum Lebensende dort verharren und sich nicht von der Stelle rühren.
Hat sie nach ihrer Beschwerde gefragt, was sie auf die Schnelle die Woche kochen soll, wenn ich komme.
“Wie auf die Schnelle? Willst weg?”
“Nein, ich will mir nur keine Arbeit machen.”
“Muttern, ich war für dich Kerzen holen, 20 Minuten hin, im Laden 5 Minuten, 20 Minuten zurück und wenn ich komme, willst ja, daß ich dir dieses und jenes auch für dich mache. Das ist mehr Arbeit, als die Kartoffeln zu schälen und brauchen um gar zu werden.”
“Ich meine ja auch nur…”
“Ich auch Muttern.”
Da bahnt sich wieder eine Familienkrise an. Es ist wieder Herbst, Todestag vom Vater nähert sich und Muttern baut wieder rapide ab. Schlimm ist das. Dabei hat sie gar keinen Grund sich so hängen zu lassen, Vater ist ja nicht gestern gestorben. Jeder Schritt ist ihr zuviel.
Ein paar Stockwerke über ihr wohnt ein älteres Ehepaar, beide sind knapp 15 Jahre älter als Muttern. Er kann nur noch am Stock gehen, sie hat eine Unterleiboperation hinter sich, kann nur noch ganz langsamen Schrittes gehen. Dennoch sind sie am Sonntag zum Erntedankfest hingegangen, das die evangelische Kirche in Oberrad vorbereitet hat (mit Kaffee und Kuchen). Küppel hoch, eben langsamen Schrittes. Muttern geht nicht mal mit ins Heimatmusseum Oberrad, was nur ein Katzensprung von ihr entfernt ist. Nix zu machen. Dann sagt sie, sie bewundert ja die alten Leute. Sage ich, nehme dir daran mal ein Beispiel. “Bei mir ist das ja was anderes…” Das ganze Leid der Welt dann bei Muttern versammelt ist. Dabei geht es anderen älteren Damen noch schlechter, da ist niemand mehr, der nach ihnen schaut. Und selbst wenn sie jemanden haben, sind sie auf dem Abstellgleis. Muttern hat eine sehr nette Nachbarsfamilie, die alten Leutchen über ihr und uns, ihre beiden Jungs.
Mal gucken, ob ich das diese Woche ihr auf nette Art stecken kann, daß sie sich nicht so gehen läßt, denn wenn sie mit dem Spruch nochmal ankommt, gibt es wieder Rauchwolken in Oberrad und der Rat, mal die Gelben Seiten sich zu Gemüte führen, griffbereit in der Hosentasche. Die Arbeit hat ihr Sohn nämlich auch nicht erfunden - liegt nämlich im Erbgut.
Verfaßt unter…
Zeit: knapp 30 Min.
Getränke: Cola
Verzehr: —
Musik: 1. EF. 3. A - Fee Bee (6:23) | 2. Sophie Ellis Bextor - Take me home (Comly sophie-Remix) (5:07) |3. Baby Mammoth - Urban Waltz (4:24) |4. The Orb - Majestic (11:07) |5. Terre Thaemlitz - Hovering Glows (8:22) | 6. More Rockers Association - Dream (4:48) |7. Gerd - Easin’ In The S-System (6:14) | 8. Global Communication - Delta Phase (10:08) | 9. Deep Forest - Forest Hymn (Long Ambient Version) (5:35)






