Bei den Waldelfen (2)
Schweigend gingen Elf und Halbelf durch den Wald. Auf einmal blieb Fanuifin stehen und lauschte. Aufmerksam musterte er seine Umgebung. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen und Ys wußte, daß ein Laut, ein Knacksen des Holzes unter ihren Füßen, ihr Tod sein könnte. Sie schlichen einen kleinen Hügel hinauf und sahen wie Orks den Pfad im Wald gingen, den sie gerade verlassen hatten. Ys hatte noch nie zuvor einen Ork gesehen. Sie erschrak darüber, welche Gewalt diesen Wesen entströmte. Die Orks blieben stehen und tuschelten. Einer von ihnen blickte für einen Moment in ihre Richtung und Ys stockte für einen Moment der Atem. Dann brummte er etwas worauf die Orks weiter gingen. Der Wald nahm sie auf und nur noch ein Knacksen des brechenden Unterholzes unter ihren Füßen war zu hören. Ys’ Hals war trocken und sie spürte zum ersten Male Angst in ihrem Leben.
Sie gingen noch vorsichtiger durch den Wald. Am frühen Abend nahmen beide beißenden Rauch wahr. „Feuer“ flüsterte Ys. Fanuifin nickte ihr zustimmend zu. Vorsichtig schlichen sie weiter. Der Rauch wurde immer intensiver. Sie kamen an den Rand einer Lichtung und dann wußten sie, daß nicht der Wald brannte. Ihr Blick fiel auf die verkohlten Überreste einer Hütte. Sie sahen wie ein junger Mann den Kopf einer jungen Frau, die schwer verletzt war, in seinen Armen hielt. Sie hörten ihn schluchzen. Fanuifin legt seinen Arm um Ys und sprach: „Ys, Finsternis legt sich auf dieses Land. Nichts wird mehr so sein, wie es vor Morgengrauen noch war.“ Ys schluckte und kämpfte mit den Tränen. Tod und Leid waren ihr bisher fremd gewesen. Sie traten aus dem Wald auf die Lichtung heraus, als sie zur Salzsäule erstarrten, unfähig sich zu bewegen. Ein gellender Schrei, der durch Mark und Bein ging, drang zu ihnen. Die Luft brodelte und ein gräulich aussehendes geflügeltes Wesen kam auf den jungen Mann zu, der wie gelähmt diesem entgegen blickte, immer noch den Kopf der jungen Frau haltend. Die Erde stöhnte laut auf, der Himmel verdunkelte sich und es schien so, als ob die Erde das Wesen verschlingen wollte. Ein alter Mann erschien wie dieses Wesen aus dem Nichts. „Tuain meic Bóchra “ murmelte Fanuifin. Fanuifin zog Ys zurück ins Unterholz. „Schwarz wie die Schwingen des Todesboten unsere Tage nun sein werden“ sprach er mit rauher brüchiger Stimme. “ Wenn Tuain meic Bóchra auftaucht, dann sind Mächte im Spiel, derer wir nicht gewachsen sind.“ Ys zitterte am ganzen Leib. Fanuifin nahm Ys in den Arm. „Du mußt zu deiner Mutter“ murmelte er, „sie kann dir das mitgeben, was du brauchst für den Weg den du gehen mußt“. Ys schaute Fanuifin fragend an. Doch dieser gab ihr keine Antwort. Schweigend gingen sie zurück in den Wald hinein und ihre Gedanken waren bei den jungen Mann, dessen Herz und Habe brannte.
Viele Tage waren sie unterwegs. Keine Orks sie mehr trafen, nur ihr Horn war mit dem Wind hin und wieder kaum wahrnehmbar zu hören. Sie rasteten nur selten. Als der Mond wieder sein Lachen zeigte, der Morgen kam sprach Fanuifin: „Ys, wenn die Sonne hoch über dem Wald steht, wirst du deine Mutter in die Arme nehmen können. Der Ort der Elfen des Seelenwaldes ist bald erreicht.“ Ys spürte eine innere Unruhe aufkommen. Sie wurde gewahr wie die Bäume wesentlich kräftiger wurden. Manche von ihnen hatten einen Stamm, den nicht mal 10 Männer umfassen können. Sie mußten uralt sein. Nun merkte sie auch, daß sie nicht mehr alleine waren. Zwei weitere Elfen des Seelenwaldes begleitete sie in einiger Entfernung. Sie traten auf eine Waldlichtung in dessen Mitte ein riesiger Baum stand. Am Waldrand kleine Hütten in den Baumwipfeln zu sehen war, während nur eine am Waldboden zu sehen war. Kinder hielten in ihrem Spiel inne und schauten zu ihnen herüber. Eine Elfenfrau ging ihnen entgegen. „Meine Aufgabe ist nun erfüllt“ sprach Fanuifin. „Ich muß dem Rat der Sippe nun Bericht erstatten, über das was wir unterwegs sahen und dann meine Aufgabe als Wächter wieder wahr nehmen. Sie“ dabei deutete er auf die Elfenfrau „wird dich zu deiner Mutter bringen.“
Die Elfenfrau hatte einen freundlichen Gesichtsausdruck. „Ich bin Fraonnuj und du mußt das Kind von Cuiviéne sein“ sprach sie zu Ys. „Du wirst schon erwartet“ lächelte sie und betrachtete dabei neugierig Ys. „Du hast vieles von ihr” fuhr sie fort. „Deiner Mutter geht es gut, aber noch immer ist sie sehr geschwächt. Sie hat viel von dir erzählt und… Na, komm einfach mit. Wir können uns später unterhalten.“ Sie gingen auf die kleine Hütte zu, die nahe am Waldrand stand. „Geh hinein, ich lasse dich mit ihr alleine. Wenn etwas ist, dann rufe einfach.“ Ys hatte Herzklopfen. Doch dann hielt sie niemand mehr. Sie eilte in die Hütte und sah ihre Mutter in einem Blätterbett liegen. Das blauschwarze Haar, das sonst wohl geordnet zu einem Zopf gebunden war, breitete sich auf einem Graskissen aus. „Mutter“ schluchzte Ys und Tränen rannten ihre Wangen runter. „Ys, mein Kind, wie sehr habe ich den Tag herbei gesehnt, wo ich dich wieder in den Arm nehmen kann“ hörte sie die schwache Stimme der Mutter. Ys sank vor der Lagerstätte ihre Mutter zu Boden, grub ihr Gesicht in ihre Brust und ihr kleiner schmaler Körper wurde von einem Beben erfaßt. Die Mutter legte ihre Hände auf ihren Kopf und streichelte sie. „Wer wird dann, ich bin ja noch da“ murmelte sie und in ihren Augen sammelte sich das Wasser, aus der die Liebe ihre Kraft bezieht. Viele Augenblicke verharrten Mutter und Tochter miteinander. Ein Moment wo Seelen sich austauschen.
Nach einer Weile blickte Ys ihrer Mutter in die Augen. „Wann kannst du heim?“ fragte sie und wischte sich die Tränen ab. „Das wird noch viel Zeit brauchen“ sprach ihre Mutter und fuhr mit ihrer Hand über die Wangen von Ys. „Ich kann zwar schon aufstehen, aber es kostet mich sehr viel Kraft. Die Auseinanderersetzung mit der Dunkelheit hat viel Substanz gekostet.“
„Wer sind sie und warum tun sie das“ fragte Ys
„Ys“ sprach die Mutter mit leisen Worten. „Jene hassen alles was nicht so ist wie sie. Das ist eine lange Geschichte, die vor vielen Zeiten, als hier noch kein Baum stand, seinen Anfang nahm. Diesmal konnte nur die Magie der Täuschung und die Elfenbögen sie zurückdrängen. Aber dies wird nicht lange so sein. Sie werden wieder kommen und sie werden ihre Vorgehensweise ändern. Botschafter sind schon unterwegs in andere Regionen des Reiches um Verstärkung zu holen. Nur gemeinsam können wir sie dazu bringen, sich von uns zurückzuziehen.“ Ihre Stimme wurde noch leiser und war kaum noch wahrnehmbar. „Und nun haben sie auch noch deinen Vater in die Irre geleitet und zu sich gelockt“ Ys schaute fragend ihre Mutter an.
„Warum ihn?“
„Dein Vater stellt eine Bedrohung für sie da. Er ist ein mächtiger Mann, weise und stark ist er. Von ihm du dein Wissen um den Flügelschlag des Schmetterlings hast, das Wissen, was zwischen den Bäume wandelt, das Wissen darum, wie man dem entgegentritt, der zu seinen Gunsten alles ändern will. Er ist eine Komponente im Krieg die nicht zu durchschauen und schon gar nicht zu kontrollieren ist.“
Ys nickte und bei dem Gedanken, ihr Vater könnte in jene Hände fallen, wurde es ihr ganz klamm in der Brust. Dann erzählte sie ihrer Mutter was sie und Fanuifin unterwegs erlebt haben. Als sie geendet hatte, erhob sich ihre Mutter vom Lager und sprach „Ys, das ist nicht gut… wenn Tuain meic Bóchra gesehen wird, dann ist das schon ein schlechtes Zeichen. Ein Zeichen dafür, daß etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Und dieses grausame Wesen… die Unruhe der Orks… der Brand… Tuain meic Bóchras Kampf… Ys, ich mache mir große Sorgen. Nicht nur um deinen Vater, sondern auch um dieses Land. Da sind Mächte im Spiel, denen wir nur wenig entgegen setzen können. Bis die Elfen des Reiches hier sind, wird einige Zeit vergehen. Ich hoffe wir haben noch ein wenig Zeit um durchzuatmen. Komm, laß uns ein wenig den Abendgesang der Vögel lauschen.“
Die beiden Frauen gingen hinaus und setzten sich auf einen Baumstamm. Ys erzählte ihr bis in die späten Abendstunden was sich in ihrer Abwesenheit zu hause zugetragen hatte. Sie erzählt vom König des Waldes, der sich in ihrer Nähe oft aufhielt, von der Entdeckung einer seltenen Pflanze, die nur in einer bestimmten Mondphase im Frühjahr heilende Wirkstoffe barg, ansonsten sie hochgiftig ist und auch davon, das die Dorfbewohner sie immer argwöhnischer betrachteten. Sie erzählte von Frau Semmelpflug und davon, daß das Dorf verarmte. Immer mehr Leute zogen aus diesem Teil des Landes weg und versuchen ihr Glück in Mordalheen oder anderswo. Ein paar Elfen setzten sich zu ihnen und lauschten den Erzählungen. Manchmal schüttelten sie verständnislos den Kopf, dann wiederum nickten sie zustimmend. Der Mond stand schon hoch über dem Wald als man das Bettlager aufsuchte. Der morgige Tag würde ein Abschied auf lange Zeit werden. Das wußten alle in dieser Nacht.
Als Ys aufwachte, den Morgen begrüßte, waren die Elfen des Waldes schon auf. Es herrschte Aufregung im kleinen Walddorf. Sie sah wie Fanuifin mit ihrer Mutter sprach. Ys ging zu ihnen. Ihre Mutter sah ihre Tochter an. Ein Schleier der Traurigkeit hatte sich über ihr Gesicht gelegt. „Mutter was ist passiert?“ fragt Ys erschrocken.
Fanuifin sprach mit ernster Stimme. „Umbar Tyrjeed wurde überfallen. Die Krieger des Königs wehren sich tapfer, doch zu allem Übel kommt auch noch dazu, daß ein Schwarzmagier mit seinen Gefolgsleuten die Reihen der königlichen Streitkräfte schwächt. Boten sind nach Irma ‘Or aufgebrochen, um die dortigen Ritter um Hilfe zu bitten. Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Dein Vater wurde gesehen. Anscheinend hat er rechtzeitig bemerkt, welches Spiel man mit ihm trieb. Die Spuren, die unsere Späher entdeckten, sagten uns, das er den Weg der großen Ebene vor Iaardah nahm, um von dort einen Weg zu gehen, den nur wenige gehen. Er führt in ein Land, über das man nur wenig weiß. Es ist eine Insel, des Namen niemand weiß.“
„Dann werde ich auch diesen Weg gehen“ sprach Ys „um Vater zu finden. Und gemeinsam werden wir zurückkommen um zu helfen.“
„Dafür bist du zu unerfahren“ erwiderte Fanuifin. „Ein erfahrener Elf des Wildlandes, der die Kunst des lautlosen Fortbewegens beherrscht, der mit dem Wald eins wird, hätte Aussicht über Jhombuth hinauszukommen, diesen Weg zu gehen. Aber ein jeder wird hier gebraucht. Die Orks sind unruhig. Und wer weiß, was den Schergen noch einfällt. Unser Volk steht am Abgrund. Nein Ys, jeder Elf aus dem Wildland wird hier an seiner Wurzel des Lebens gebraucht.“
„Fanuifin“ sprach Ys’ Mutter „sie ist aber unsere einzige Hoffnung. Ich kann den Weg nicht gehen. Ich werde euch beistehen, so gut ich kann. Begleitet sie bitte bis zu den Grenzen Umbhar ‘dhar, den Weg nach Iaardah von wo aus Schiffe zu der Insel aufbrechen.“
„Cuiviéne, du bist eine weise und starke Frau. Es ist dein Leben, das in eine ungewisse Zukunft geht. Wir wissen nichts über diese Insel. Aber ich werde deinem Wunsch entsprechen und sie bis an die Grenze Jhombuth bringen.“ Er blickte Ys an, nickte und sprach „Ich ahnte, daß es so kommen wird. So sei es denn. Wir brechen am Abend auf Ys. Ruhe dich bis dahin aus. Was du für die Reise brauchst, wird dir mitgegeben.“
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für Anmerkungen: Sammelstelle






