Stumme Wälder
Henry, seines Zeichen Finnwal, hat es ja, den Göttern sei Dank, geschafft aus der Nordsee wieder hinaus in den Ozean zu finden. Haben sich wieder die Pseudonaturschützer immens viele Gedanken um EINEN Finnwal gemacht. Nicht auszudenken, der wäre irgendwo abgesackt und hätte das Zeitliche gesegnet. Nun ist wieder die Welt in Ordnung, Henry irgendwo unterwegs und RTL mit SAT1 bestimmen wieder mit ihren Reality Shows, vom mittag bis zum frühen Abend, vom Strafgericht bis hin zum Familiengericht, die unterste Schublade der Web 2.0-Community. Und das Gebaren dieser Web 2.0-Community war sogar VOX dieser Woche ein Mitternachts-Nachrichtenbeitrag wert. Dabei ist überhaupt nichts in Ordnung; nur man sieht es nicht. Aber sie werden es schon merken. Irgendwann kapiert es auch der Dümmste, spätestens dann, wenn er „Sounds of Nature“ bei eDonkey, eMule und Torrent leechen muß, damit er weiß wie die Natur einmal klang.
Letzte Woche die Meldung: „Vogelgrippe kommt bald“ und nebenbei wurde ein Geburtstag gefeiert: „20 Jahre Frosch“.
Diese Woche eine kleine Randnotiz: „Der Vogelbestand hat rapide abgenommen“.
Hat das irgend jemand, außer mir, noch wer mitbekommen? Ich habe ja alle „grünen“ Seiten im Internet abgeklappert, die ich so habe. Es ist recht stille im Blätterwald – so und so. Frau Lerche ist nicht „Henry“. Sie hat auch kein angeborenes Lächeln, wie „Flipper“, wo Mensch so gerne in „ist der nicht süß“ abgleitet. Und Frau Lerches Lied ist nicht weniger schön, wie das der Buckelwale. Doch will man sie hören, weiß man noch, wie sie singt, sie gar aussieht?
Aber diese „neuen“ Erkenntnisse wissen wir in Frankfurt Oberrad seit vielen Jahren schon, weil wir es dort vor Ort erleben. Aber es ist schon mal gut, daß man es auch von wissenschaflichen Munde erfährt. Auf die mahnenden Worte des einfachen, kleinen Volkes, hört ja nie jemand.
In den frühen 70ern konnte man die große Vogelkarte nehmen, und anhand dieser, die Vögel die bei uns herumschwirrten, definieren. Mein Vater fragte mich dann immer, wenn wir im Wald spazieren gingen, was für ein Vogel ist das, was ist das für ein Baum, u.s.w. Lerche, Gartenrotschwanz, Star, Grünfink… Bäume die damals frisch gesetzt wurden, geben heute Muttern den Schatten auf dem Balkon. Aber die Buche hat kaum noch Gäste, die Brombeerhecke keine mehr. Ab und zu verirrt sich eine Amsel, Muttern freut sich dann, denkt an die Zeit, wo Frau Amsel den Balkon zu ihrer Kinderstube erklärte – Mensch mußte dann warten, bis die Kleinen flügge geworden sind, dann durfte er erst wieder auf den Balkon.
Aber es gibt einen Ort, um den uns Frankfurter selbst die Taunusbewohner – Verwandtschaft – „beneiden“. Es ist der Waldfriedhof in Oberrad. Schon als Kind saß ich dort oft und schaute den Vögeln zu. Wenn man Vögel sehen will, dann findet man sie dort – 1000 Meter weiter nicht mehr. Der Wald ist für Mensch uninteressant geworden. Sie joggen mit „Knopf im Ohr“ (iPod & Co), brettern mit dem Mountainbike durchs Unterholz, beschweren sich auch noch, wenn man nicht schnell genug zur Seite springt, oder sie walken im nordischen Stil, mit viel Geklapper und Radau durch den Wald. Stehen bleiben, gar inne halten und hoch in die Wipfel schauen? Ja bitte, dafür ist keine Zeit übrig, schließlich tickt die Uhr, der Pulsmesser, und die Muse, die gib es ja im Web 2.0.
Nicht nur der Lebensraum der Vögel wird zerstört. 6,8 Millionen Hobbyjäger legen jährlich die Flinte (einschl. Steinquetschfallen, Käfigen…) auf das Federvieh und Frau Lerche an. Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. 6,8 Millionen… voran Frankreich, Italien und Großbritannien. 100 Millionen Singvögel mal so eben, zwischen zwei Erntedankfesten, in Europa weniger.
„Und ewig singen die Wälder“ – war gestern, morgen sind sie stumm.
Wenn Mutter geht, mach ich mich auch vom Acker. Irgendwohin; leg’ mich unter einem Baum und gut ist. Der Rest der Menschheit kann ja dann „Per Anhalter durch die Galaxie“ spielen und den 9. Planeten suchen…
Die ersten 50 Jahre waren langweilig.
Die zweiten 50 Jahre auch.
Und dann habe ich die Lust verloren.
Und von der Glaubenstheorie einer Wiedergeburt redet dann 100pro keiner mehr. Aber das juckt mich dann alles nicht mehr. Ich sitze dann bei der Buche und bin ihr letzter Gast.
(Quelle: Studie von Axel Hirschfeld und Alexander Heyd)
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