Frankfurt Trax

Frankfurt Trax
Der Groove Garden mit „Franfurt Trax“

Unter der Rubrik „Mein kleines Musik-ABC“ werfe ich ein Stöckchen, stelle ich euch heute die Abteilung Frankfurt Anfang/Mitte 1990 vor. Eine Anregung des Chefredakteurs der Putzlowitscher Zeitung. In der losen Folge von last.fm, ein etwas langweiliges Dinieren in der Lounge, wo Seidenglanz das Auge trübt, die „Erotic“ in der Lounge, von Sony seit 2003 forciert (Beispiel 1, Beispiel 2), eine Art Wandelgang auf Manageretagen darstellt. Sony hat es fast 10 Jahre später, nachdem die erste Lounge auf CD/Vinyl im Handel auftauchte, noch immer nicht begriffen.

Die Chill Out-Zone, hier und da heute Lounge genannt, ist nicht die Definition einer Ansammlung gleichgeschalteter Tracks, die unter Zuhilfenahme weiblicher Dessous als ziehendes Kaufargument gilt, im Erdgeschoß des Sony-Imperiums den erhoften Kaufausruf „DAS NENN ICH MAL EIN POPO (ähm cover)“ auslösen, sondern das 5-Sterne Cocktail-Repertoire des Barkeepers in der Lounge. Nicht mal ein Stern kann der Barkeeper des Hause Sony sich verdienen, im Gegensatz zu seinem Pendant aus der klitzekleinen Lounge in Belgien, der mit den gleichen Zutaten erotische Cocktails, Milchshakes, Softdrinks und vieles mehr zauberte – ohne Frau halbnackt zu bemühen, damit niedere Instinkte der männlichen Käufer den Zugreifeffekt auslösen (geil).

Samy Birnbach, auch unter dem Namen DJ Morpheus bekannt, fing damit 1994 an. Auf dem Label SSR erschien die „freezone Serie“, die Wegbereiter der neuen Definition der Chill Out-Zone war. Viele Nachahmer gab es, die zudem heute unter zig Erotik-Varianten zu haben sind, aber kaum eine Ausgabe erreicht das Original. DJ Morpheus war als erstes DJ und nicht Buchalter bei SSR. Auf seinem Trip durch die Welt, erwischte ich ihn einmal am Hauptbahnhof für eine gute Stunde und da erzählte er mir: „Du mußt für die Musik leben, dort hingehen wo sie entsteht, nicht wo sie verkauft wird.“ DJ Morpheus war in der ganzen Welt unterwegs, hat sich für SSR die Acts rausgepickt, die letztendlich „freezone“ den Inhalt im Namen gaben. Der Barkeeper DJ Morpheus hat in seiner Lounge gezaubert, bevor er seine Drinks den Gästen servierte.

Nun waren auch die Gäste in den Chill Out-Zonen nicht jener Kategorie zuzuordnen, die heute sabbernd vor den Sony-Covern hängen, weswegen DJ Morpheus damals bedauerte, daß der erste Teil der Freezone-Serie nicht das aufwies was der zweite Teil beinhaltete: nur unveröffentlichte Aufnahmen.

Parallel zur Entstehung von Freezone gab es generell einen Umbruch in der „klassischen“ elektronischen Musik, die bis dato von der New Age-Szene dominiert wurde. Hier ganz vorne Klaus Schulzes ex-Label „IC„, in den 90ern von Michael Weisser (Software) angeführt. Und aus der ganzen IC-Zeit ist ein erwähnenswerter Pressebericht übriggeblieben, jener vom Musikmarkt aus dem Jahre 2002. Traurig, traurig, traurig und der Kreis schließt sich, IC-digit ist nun bei da-Music untergebracht.

Der Umbruch hierzulande ging von Frankfurt aus. Dafür gibt es zwei Namen: Eye-Q mit seinem Unterlabel „recycle or die“ (ROD) und Fax-Records, mit Peter Kuhlmann aka Pete Namlook. Nun mag man staunend fragen: „Ein Umbruch, ausgelöst durch zwei Labels?“ Da kann ich nur sagen: „Nur zwei, aber die hatten es in sich.“

Eye Q Frankfurt
Das Label Eye Q und ein kleiner Teil der künstlerischen Abteilung

Alle Akteure, die sowohl bei Eye-Q inkl. seiner Unterlabels „Harthouse“ und „ROD“, als auch bei Pete Namlooks Fax-Records vertreten waren, hatten mit New Age und seinen eingefahrenen Strukturen nichts am Hut. Weder Oliver Lieb (Spicelab) noch Helmut Zerlett aka Baked Beans, dem breiten Publikum bekannt aus der Harald Schmidt-Late Night (SAT 1), noch Ralf Hildenbeutel (Earth Nation) oder Steffen Britzke (B-Zet) wollten Klaus Schulze, Tangerine Dream oder Jean Michel Jarre nacheifern, genauso klingen. Die Jungs kamen aus dem jungen Style Techno, bestenfalls geprägt von der Synthi-Pop-Epoche (Depeche Mode), mit dem Wissen um Brian Enos „Airport“ und wollten mal bißchen kürzer treten – eben chillen. Und da kommt KLFs „Chill Out“ ins Spiel – DAS „Chill Out“-Album. Und wo KLF ist, ist The Orb ganz nah…

Zurück nach Frankfurt. Pete Namlook definierte „Environmental“ und in England feierte man den Ambient-Guru aus Frankfurt, der auch zu außergewöhnlichen Projekten seinen Teil dazu beitrug. „Musik entsteht durch Bewegung, erst durch den Tanz“ – vorgeführt im alten TAT (Frankfurt) mit Stephen Galloway. Erschienen als „Music for Ballet“ auf Fax. Pete Namlook selbst hatte einige Cooperationen, u.a. mit Atom Heart, Bill Laswell, Tetsu Inoue, Mixmaster Morris und auch Klaus Schulze. Es beschränkt sich nun doch nicht auf nur auf zwei Örtlichkeiten. Eine Etage unter Eye Q fand man Logic, und wo Logic ist, ist auch Snap anzutreffen, die später mit Klaus Schulze arbeiteten. Gegenüber die Jungs aus Rödelheim und das alles in einer Straße – Strahlenberger Weg in Offenbach, an der Stadtgrenze zu Frankfurt (Gerbermühle). Noch heute sieht man den Logic-Schriftzug auf dem vereinsamten Haus, der von einer anderen Zeit erzählt.

Logic Records
In diesem Haus wurde Musikgeschichte geschrieben
(Strahlenberger Weg in Offenbach am Main)

Der Bereich Wetterau – Frankfurt/Offenbach – bis Darmstadt (mit kleinem Weg über Heidelberg zu Plastik City) war eine brodelnde Geburtsstunde. Unglaublich was in dieser Zeit überall entstand und es beschränkte sich keineswegs alles nur auf einen Style, eine Örtlichkeit. Kein Vergleich zu heute, wo der Massen-Dessous-Auftritt richten soll, wozu es inhaltlich nicht reicht.

Frankfurt Trax

an sich für Techno stehend, erzählt hier in einem kleinen Auszug mehr aus der chilligen Ambient-Epoche jener Tage, über die man noch viel mehr erzählen könnte. Aber das sind Lagerfeuer-Geschichten, wie jene, als Klaus Schulze begeistert bei Pete Namlook ein Kinderpiano spielte, oder auch jene Geschichte, als Sven Väth im Omen Geburtstag feierte und der Türsteher vor dem Omen Ralf Hildenbeutel nicht in den Club lassen wollte. Mußte erst Claudia von Eye-Q den Weg für Ralle (Ralf) freiräumen. Ohne die Mädels geht es hier und da nun doch nicht.

Zum kleinen Musik-ABC aus Frankfurt (Artist/Label-bezogen):

0 = 2046 (Saafi Brothers)
A = A Million Miles to Earth (Pete Namlook/Richie Hawtin)
B = Bionic Commune (Tetsu Inoue)
C = Come (MIR)
D = Deep Chair (Atom Heart)
E = Environment (Pete Namlook & Charles Uzzell-Edwards)
F = Flowerhead (Atom Heart)
G = Green Paste (Bill Laswell, Tetsu Inoue, Atom Heart)
H = Human Bean (Baked Beans)
I = Inner Peace (Ralf Hildenbeutel)
J = Journey to Ixtlan (Tetsu Inoue)
K = Koolfang (Pete Namlook & David Moufang)
L = Lavender (Alter Ego)
M = Mimi’s French Dog (Tollmann & Hildenbeutel)
N = N.A.S.A. nocturnal audio sensory awakening (Jam & Spoon)
O = Over the Next Rise (Transonic)
P = Plexus Solaris (Zenith)
Q = Q11 (Spacetime Continuum)
R = Rub Out (Pete Namlook & Atom Heart)
S = Stray Dawn, First Light (Dominic Woosey)
T = The Closed Eye View (Stevie B-Zet)
U = Under Water (Pete Namlook & Mixmaster Morris)
V = Voice of the Earth (Spacetime Continuum)
W = White Hole 2 (Atom Heart)
X = xxxx (Pete Namlook & Tetsu Inoue)
Y = Yenilik Part IV (Pete Namlook & Burhan Öçal)
Z = Zauberwald (B-Zet)

(reloaded 22.09.2014 / rü)

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